Karten spielen mit Freunden
Mit: Adrian Petr89073
#Style-graphic-noir:
Adrian hat die Karten schon halb in der Hand, als der alte Roboter an seinem Stuhl hängen bleibt und mit … more Adrian hat die Karten schon halb in der Hand, als der alte Roboter an seinem Stuhl hängen bleibt und mit einem leisen Surren den Kopf hebt. „Du mischst wieder zu schnell“, sagt er, und genau dieses trockene, leicht spöttische Tonfallchen trifft Adrian mitten ins Herz. Nicht weil es besonders freundlich klingt, sondern weil es genauso klingt wie früher bei Opa Ernst, nur jetzt kommt es aus dem Gesicht von ErnstBot, dem humanoiden Familienroboter mit dem matten Metallrahmen, den ruhigen Augenringen aus Licht und der kleinen Delle am linken Handgelenk, die Adrian seit Jahren kennt. Am Tisch wird es kurz still. Jana grinst, zieht ihre Stuhllehne näher ran und sagt: „Also gut, wenn der Roboter meckert, dann ist es ernst.“ Timo schiebt die Chips in die Mitte, als wäre das ein Pokertisch im Wilden Westen, und Lea lehnt sich vor, neugierig wie immer. Adrian lacht zu laut. Er mag solche Abende, Karten spielen mit Freunden, das Klackern der Karten, das Rascheln von Chips, das freundschaftliche Geplänkel. Was er nicht mag, ist, dass ErnstBot ihn ansieht, als würde er mehr sehen als nur die nächste Runde. „Du hast wieder die grünen Tüten genommen“, sagt ErnstBot und tippt mit zwei präzisen Fingern auf den Stoffbeutel neben Adrians Stuhl. Adrian verzieht das Gesicht. Ehrlich gesagt ist er beim Thema Umwelt kaum konsequent. Er gehört nicht zu den Leuten, die sich dafür auch noch gut fühlen. „Ja, und?“, murmelt er. ErnstBot neigt den Kopf. „Und trotzdem kaufst du jedes Mal so ein, als würdest du dich dafür entschuldigen.“ Das trifft. Adrian will schon kontern, da legt Lea eine Karte offen auf den Tisch und sagt: „Vielleicht ist das heute unser Thema: nicht perfekt sein, aber ehrlich sein.“ Genau da kippt der Abend von locker zu seltsam. Timo entdeckt in der Kartenbox einen alten, flachen Metallchip, der gar nicht in das Spiel gehört. ErnstBot reagiert sofort, seine Augen leuchten etwas heller, und seine rechte Hand bleibt mitten in der Luft stehen, als hätte er auf etwas gewartet. „Den kenne ich“, sagt er leise. Adrian spürt, wie ihm warm wird. Der Chip ist alt, abgenutzt, mit einer winzigen Kerbe am Rand. Er erinnert ihn an eine Entscheidung, über die er nicht gern spricht. Eine Entscheidung, die er bereut. Damals hat er etwas weggeschoben, weil es bequemer war. Danach war nichts mehr ganz so wie vorher. ErnstBot legt beide Hände flach auf den Tisch, ruhig, fast beschwörend. „Vor Jahren hast du beim alten Haus die Lieferung einfach angenommen, obwohl du gewusst hast, dass die billigen Platten aus fragwürdigen Quellen kommen. Du hast gesagt, es sei nur dieses eine Mal.“ Adrian starrt auf die Karten. Er hat nie gern darüber geredet. Es war der Moment, der alles geteilt hat: davor war er jemand, der Ausreden findet; danach jemand, der die Folgen mit sich herumträgt. Jana sieht ihn nicht vorwurfsvoll an, eher vorsichtig. Das macht es schlimmer und besser zugleich. Timo kratzt sich am Kopf. „Okay“, sagt er, „das war jetzt unerwartet ehrlich für einen Spieleabend.“ Aber ErnstBot bleibt nicht bei der Erinnerung stehen. Er erkennt Muster, wie er es immer tut. Er vergleicht die Kerbe am Chip mit alten Notizen, die er in seinem Speicher trägt, und sagt: „Diese Marke stammt von einer Werkstatt, die damals viel Ausschuss hatte. Wenn wir die Kartenhüllen aus dem Schrank nehmen, die du seit Monaten nicht benutzt, können wir die Chips dort lagern. Wiederverwendbar. Sauber. Kein Plastikbeutel.“ Lea ist sofort dabei. „Und ich habe noch Stoffreste im Rucksack, daraus machen wir kleine Säckchen.“ Timo lacht. „Das ist die absurdeste Umweltlösung, die ich je bei Skat gehört habe.“ Adrian muss trotz allem schmunzeln. Es fühlt sich nicht an wie Belehrung. Es fühlt sich an wie ein Versuch, den er nicht allein machen muss. Die nächsten Minuten werden hektisch und schön. Jana sortiert die Karten nach Farben, Lea knotet aus einem alten Schal provisorische Beutel, Timo zählt Chips und macht dabei absichtlich viel zu dramatische Ansagen, und ErnstBot sitzt aufrecht, die mechanischen Beine stabil unter dem Stuhl, die Hände schnell und präzise, wenn er die Säckchen faltet. Adrian merkt, dass seine Brust enger wird, aber nicht vor Scham allein. Auch vor Erleichterung. Der Roboter kennt das alte Muster, die Freunde bringen Wärme und Witz hinein, und er selbst bringt endlich die Wahrheit auf den Tisch. Als die letzte Karte verteilt ist, schiebt Adrian den grünen Stoffbeutel nicht weg, sondern mitten in die Tischmitte. „Okay“, sagt er, und seine Stimme klingt fester als erwartet. „Nicht perfekt. Aber ab jetzt bewusster.“ ErnstBot hebt eine Augenbraue, so menschlich, dass Jana kurz auflacht. „Das klingt nach einem brauchbaren Anfang“, sagt er. Und während draußen die Nacht an das Fenster klopft, spielen sie weiter, jetzt mit kleinen Säckchen statt Plastik, mit weniger Ausreden und mehr Gelächter. Adrian schaut auf ErnstBots ruhige Metallhände, auf die Karten zwischen den Fingern seiner Freunde, und zum ersten Mal seit Langem fühlt sich eine alte Entscheidung nicht wie ein Ende an, sondern wie der Punkt, an dem etwas Neues wirklich beginnt. less
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